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Die Pute, die Schule, und das Gewehr

8

28/1/2017

 

Mein Körper gibt sich auf, er mag sich nicht mehr. Wenn ich verliebt wäre, würde sich mein Körper zusammennehmen. Er würde sein Bestes geben, um einigermaßen dazustehen. Aber verliebt war ich vor etlichen Jahren, ein Jäger, ein Mondsüchtiger und ein Blinder war ich vor etlichen Jahren. Ich mag nichts mehr abändern und ausprobieren; ich vermag es nicht mehr. Nur in der Erinnerung noch mondsüchtig, das heißt verliebt in diese unglaubliche weiße Frau oder in viele. Ich habe nie gewußt, was ich mit mir soll. Immer wieder nur kam mir irgendetwas in den Blick oder in den Sinn, das mich verführte, lockte, so daß ich davon besoffen war. Das war diese Frau, die ich eine Pute nannte, das war mein Zorn über die Schule, und meine Ideen, wie die Kinder sich entwickeln können sollten, das war das Gewehr, das mir versprach, mir in den Grenzen seiner Möglichkeiten zur Seite zu stehen.

7

26/1/2017

 

Kein Mensch ist zu Schaden gekommen, als ich in die Schule eindrang. Lieber hätte ich mich erschießen lassen, bevor ich jemandem Leid zugefügt hätte. Ich habe Löcher groß wie Käseleiber in die Schulwände geschossen. Was ich tat, sollte ein Zeichen sein. Den Katheder habe ich mit der Hand zertrümmert, und das Bild des Präsidenten heruntergerissen und angeschifft. 
​
Die größte Schwierigkeit war, entschlossene Wut zu zeigen, aber auch Liebe. Liebe und Zorn in einem Zerstörungsakt unterzubringen ist nicht leicht, und ist mir vielleicht nicht gelungen. Alle zitterten nur, und waren froh, als man mich abführte.  Nicht mein Leiden habe ich durch meinen Auftritt zu rächen versucht, sondern die Leiden sovieler Kinder, die sich noch durch diese Schule zu quälen haben werden. Die Kinder haben das sicher nicht verstanden, und man wird nicht versucht haben, mich ihnen zu erklären. Nichts kann man über den nächsten Tag sagen, nichts ist sicher, aber sicher ist, daß die Schule weiter da stehen wird wie ein Stein, den keiner verrücken kann.

6

25/1/2017

 

Die Frauen haben theoretisch meine Achtung. Die allermeisten Frauen die ich kenne, haben nichts als meine Verachtung. Die meisten nenne ich Weiber, wenn nur irgendein ansehnliches Stück an ihnen ist. Viele beachte ich gar nicht, weil mir das Heulen käme, wenn ich sie ansähe. Kaum aber käme ich auf die Idee, eine Frau eine Pute zu nennen.

Das Mädchen aber kann ich nicht anders nennen. Sie ist eine Pute und ich will sie auf alle Arten erniedrigen und verehren. Da paßt überhaupt nichts zusammen. Sie soll mit mir machen, was sie will. Sie ist aber ein Mensch, der gar nichts will. Wie eine Pflanze, die - wie immer das auch möglich ist - im Dunklen heranwuchs, ist sie. So sieht sie aus. Kein bißchen Farbe am Leib. Weißes Haar und weiße Haut und noch viel weißere Zähne, und wenn Stimmen Farben haben, ist ihre weiß, höchstens elfenbein. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ihr Mund irgendetwas abbeißen und kauen kann, daß ihr Körper Nahrung zu sich nehmen kann und daß ihr weißer Arsch braunen Stuhl hervorbringt. Solange sie einem nicht selbst zustoßen, sind solche Wesen nur in Geschichten. 

5

22/1/2017

 

Ich will sagen, was den Menschen hier alles widerlich ist: Erstens und in größtem Maß die Kinder. Sie sind widerlich, weil sie so lange Zeit unbrauchbar und störend sind. Jeder Vogel, der sich frei bewegt, ist widerlich, ebenso das Gras das in den Ritzen wächst. Na und natürlich der Regen. Alles was sich nicht abstellen oder umkehren läßt, ist widerlich. Ich aber, und darüber bin ich glücklich, bin besonders widerlich. Ich horche auf und bin zornig, wenn irgendwo ein Kind aufschreit, aber nicht, weil es schreit, sondern, weil es gleich abgestellt wird. Die Menschen hauen sich zu gewohnter Nachtstunde ins Bett, und alles schläft und hat zu schlafen.  Einsam wache nur ich, das Kind, das sich weigert und immer weigern wird, erwachsen zu werden. Wenn ich heute Nacht wieder nicht schlafen werde, werde ich vor Verliebtheit nicht schlafen. Erstens ist der Frühling mit unglaublicher Leidenschaft selbst hier eingebrochen, daß ich es kaum aushalten kann vor Freude. Zweitens habe ich ein Mädchen kennengelernt, das alle meine Sinne beschäftigt. So kann ich nichts als dasitzen und ihr Bild anstarren.

4

21/1/2017

 

Ich kann ruhig alles durcheinander erzählen. Irgendwann später habe ich immer noch Zeit mir Gedanken zu machen, wie alles oder manches in eine gewisse Ordnung zu bringen ist. Man muß wissen, daß Ordnung, eine Ordnung, die dem Lebenden gerecht wird, hier gar nicht gelehrt wird. Tritt sie von sich aus auf, wird sie verborgen, niedergemacht oder verdreht. Die Menschen wollen alles so haben, wie es nicht ist, und wie sie glauben, daß andere es haben wollen. Regt sich etwas in ihnen, treten sie sofort drauf.

3

15/1/2017

 

Das graue Haus, in dem ich seit Jahren wohne, ist einen Kilometer lang und zweihundert Meter breit. Als ich für einige Zeit ins Gefängnis einziehen mußte, kam mir dort alles so seltsam vertraut vor. Ich bin ein Narr, und Narren erwischt es früher oder später, und darüber, wie es mit mir ging, will ich dann berichten, Das Gefängnis, in das ich kam, wurde das „Graue Haus“ genannt, während der Wohnblock, in dem ich mein Leben verbringe, als „Senfburg“ bekannt ist, zwar ebenfalls grau, aber einstmals senfbraun; eigentlich scheißefarben.

2

13/1/2017

 

In mir ist die Ruhe etwas das keinen Namen hat. Unter diesen Menschen hat die Ruhe keinen Namen. Bei denen hat ja nicht einmal die Sonne ihren Namen. „Heiß brennt sie heute wieder“, sagen sie. Insofern leben diese Menschen kopfüber, indem sie alles, was einen Namen hat, namenlos machen. Das Unwichtige machen sie wichtig, und schnell, was langsam sein sollte. Eine Frau fragt nicht, ob ihr ein Kleid steht, sondern, ob man ihm den Preis ansieht. Die Häuser bedürfen hier der geradlinigen Ausrichtung, nicht der Wohnlichkeit. Immer schon habe ich in einem Haus gelebt, das wie eine Hendlbatterie ist. Überhaupt kein lebendiges Leben gibt es hier. Ich könnte schon einmal stundenlang erzählen, was man alles mit kleinen Kindern anstellt, um sie zur Ruhe zu bringen. Darin sind die Menschen hier erfindungsreich, daß nichts so sei wie es ist. Die Alten trimmen sich, um jung auszusehen, und die Jungen versuchen sich zu altern. Das Bart- und Körperhaar werden sorgfältig entfernt, und das Kopfhaar zu verdichten gesucht. Es soll dicht stehen, aber nicht zu lang werden bei den Männern, die Frauen aber sollen es lang tragen. Da fast alle zu Fettleibigkeit neigen, müssen sie schlank sein. Alkohol wird auf Biegen und Brechen gesoffen, aber die Alkoholkranken, also die dann letztlich von den Gepflogenheiten in die Knie gezwungen werden, sind die größte Schande. Ein jeder wird lüstern gemacht auf alles, was sich mit den Weibern anstellen läßt, und wenn einer es macht, ist er ein Schwein. Die Frauen sollen züchtig und verschlossen sein, da ihnen das am allerwenigsten entspricht, die Männer aber sollen ihren Trieben freien Lauf lassen, da ihnen das gar nicht liegt. So geschieht alles was geschehn muß in äußerster Verbogenheit. 

1

12/1/2017

 

Es ist ein seltenes Vergnügen, nur so dasitzen zu können und das Hocken zu genießen und den ruhigen Blick und den gelegentlichen Griff zur Flasche. Warmes Bier und die warme Stimmung überall in mir, mit der ich die Unruhe der Luft und der Stimmen in ihr, den Staub und die Unruhe überall, ertrage und genieße. Nur jetzt, da es mir gelingt, so zu hocken, kann ich mir eingestehen, wie ich diese Ruhe immer vermissen muß, wie ich leide, da ich nicht genieße wie es mir gemäß ist, sondern mit den schnatternden Menschen mitschnattere, kläffe, und jedes Kläffen noch zu übertreffen suche, und mich in Bewegung halte, und mich für immer unwichtiger halte, je mehr Wichtigkeit ich aus mir zu zerren und aufzubauschen versuche, als Tarnung einerseits und Schutz und Hilfe gegen die ganze Unwichtigkeit, die Blähungen von Menschen.

     

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