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Abl

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28/2/2017

 

Gleichzeitig mit diesen schweren Gedanken unter seiner besorgten Stirn betritt er eine Stadt zum erstenmal und glaubt eine für ihn ungeheure Entdeckung zu machen. Er fühlt sich, als würden allein durch die Ankunft in dieser Stadt seine von jeher auseinander strebenden Hirnhälften auf Dauer zueinander finden. Natürlich täuscht er sich darin, zumindest aber hält ein unglaublich leichtes Tanzgefühl an, er fühlt sich, als wäre es ihm endlich möglich sich mithilfe seiner Arme in die Luft zu erheben und über allem zu schwimmen, mit nur sparsamen Schlägen seiner dürren Schwingen überallhin.
Vor ihm sind aber noch immer selbstsicher aufgebaut die Zwei, die sich der Erzengel Gabriel nennen. Wie soll er tun, was ihm aufgetragen wird, wenn er sich keinerlei Bild davon machen kann. Wie soll er sich in allen möglichen Einzelheiten richtig verhalten, wenn man ihn mit Unklarheiten umgibt. Abl fragt, ob er irgendwelche Anhaltspunkte erhalten könnte, dazu, was und wie er zu schreiben habe, habe er doch bis heute nicht einmal geahnt, daß er einmal schreibend würde leben sollen. Sie aber sagten: Fürchte dich nicht, denn es ist unumstößlich, daß du dich an die hierfür vorgesehenen Formblätter zu halten haben wirst, denn die Form und die aufrechte Haltung sind die Stütze des Dichters, sind sein Sonnenstrahl, seine Mutterbrust. Über den Inhalt aber ist nichts zu sagen.

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27/2/2017

 

Hauptsächlich sei man daran interessiert, mit großer Regelmäßigkeit einen noch festzusetzenden Umfang an mit neuen Gedanken beschriebenen Blättern zu erhalten. Was hier so feierlich förmlich ausgedrückt sei, sei sein Glück, sei erfrischend, die Lebensader. Er würde allerdings, bevor er einen Gedanken verschwenden könnte, sich Kinder anzuschaffen, zu alt dazu sein. Ein Dichter könne nicht auch noch, wenn ihm schon das Leben irgendwie ermöglicht wird - nicht jedem geht es so gut - verlangen, daß man ihm ermögliche, sich fortzupflanzen. So solle er diesen Gedanken von allem Anfang an sorgfältig von sich fernhalten. Abl versteht gar nichts, weiß nicht, was er machen soll, da er schon mehrere lebende Kinder hat. Er versteht gar nichts.

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26/2/2017

 

Sie sagten dem totenbleichen Abl, seine Ernennung zum Dichter eröffne ihm ein Leben halb gefüllt mit seinen Träumen. Andrerseits, sagten sie mit betont ernster Miene und mit Augenzwinkern unter sich, werde er sich hoffentlich nicht auf seiner Ernennung ausruhen, werde doch auf den Gedanken nicht verfallen. Um ihm unnötige Konflikte zu ersparen, sei dem Dichter ein Gehalt zugedacht, abhängig vor allem davon, wie er seine Lieferungen einhalte. Abl verstand gar nichts, gab das aber nicht zu erkennen, denn er fürchtete, sie könnten annehmen, er stelle sich nur blöd, um auszuhorchen, was ihn nichts anging. Seine Entlohnung werde ausreichend großzügig bemessen sein, jedoch von einer von ihm nicht zu durchschauenden Unregelmäßigkeit, damit er sich nicht im Gespinst etwaiger Phantastereien über seine vermeintlich bevorstehende Wohlhabenheit verfinge. Er sei zum Dichter ernannt worden, weil man davon ausgehe, daß seine sein ganzes bisheriges Leben einnehmende verlorene Suche ihn veranlassen werde, seine Beförderung dankbar ernst zu nehmen, und er es an Diensteifrigkeit nicht zu wünschen lassen werde.

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25/2/2017

 

Während er die Beiden ansah, eine andere Person die Baracke betrat, die Schreibmaschine einschaltete, ein Blatt einspannte, aber wieder wegging und die Tür offenließ, sah sich Abl auf dem Dach eines Hochhauses seiner Frau gegenüber, die vor ihm zurückwich bis sie an das Geländer stieß, sich hintüber bog, so weit, daß sie schließlich taumelnd, kopfüber fußvoran schreiend in die Tiefe stürzte. 

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24/2/2017

 

Abl rutscht tief. Aber Zwei griffen ihn mit vier Armen aus dem würgenden Schlund, gerade vor dem Engpaß mit den tausenden Messern. Sie waren gekommen ihn zu retten, und zu neuen Aufgaben, neuen Befugnissen, einem neuen Leben zu ernennen. Vom allerersten Augenblick an nannten sie ihn Andrea, und Abl getraute sich nicht, anzumerken, daß er mit dem Namen nicht recht glücklich werden würde. Dann nannten sie ihn „meine Andrea“ und ernannten ihn zum Dichter. Abl, der noch nie einen Gedanken an diesen Beruf gedacht hatte, auch im Traum nicht, empfand aber, die Zwei wüßten über sein ihm selbst verborgendes Innerstes Bescheid, war nur bemüht, den offensichtlichen Irrtum seines Namens zu klären. Sie aber schwächten Abls Wehr mit dem Hinweis, sie kämen von zentraler Stelle, mit Verfügung über alle erdenklichen Informationen. Er fragte, wer sie seien; natürlich hat er sie gefragt! Aber sie gingen erst darüber hinweg. Umständlich mußte er die direkte Anrede vermeiden, da er ihre Namen nicht kannte. Und nicht wußte, ob sie Wert auf etwaige Titel legten. Keiner der beiden erschien als Wortführer. Abwechselnd zogen sie seine Aufmerksamkeit an sich. Sie sagten, sie seien der Erzengel Gabriel, und somit für jeden wichtigeren Botendienst zuständig. Er legte es nicht darauf an, eine entsprechende Legitimation zu verlangen, dachte sich, sie würden ihn gekränkt anfahren und ihn ungehobelter Umgangsformen zeihen. Er war sehr verwirrt, indem er den einen, und dann den anderen ansah, und hatte seine Schwierigkeiten, zwei Personen als eine anzusprechen. Nebenher ging ihm einiges Unpassendes durch den Kopf. Er tat so, daß es ihnen gefallen sollte, war dabei aber ganz unsicher, ob er mit seiner Ernennung etwas zu tun haben wollte, und wieweit sie ernstzunehmen war.

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23/2/2017

 

Der Wall, auf dem Abl hockt, kommt in Bewegung, als Abl aufstehen will um sich auf den Weg zu machen. In Gedanken schon dort, wohin ihn sein Blick im Hocken geführt hat, rutscht er auf dem bewegten Boden aus, und fällt hin. Der Boden ist warm, weich und haarig. Er befördert Abl, der nicht mehr auf die Beine kommt, auf eine Vertiefung zu, einen Trichter, ein Loch, einen Schlund, einen peristaltischen Trichter. In dieses Loch werden ganze Säue lebend hineingehaut. Abl erschrickt darüber, in dem Augenblick das Kommende zu wissen, und erschrickt, daß er, einen Augenblick in Gedanken, in eine ausweglose Lage geraten mußte. Rutschend und geschubst flucht er gegen den Unsinn, ganze Säue zu Brei zu verarbeiten.

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22/2/2017

 

Zu Füßen des Hanges hält ein Lastwagen. Eine wuchtelige Frau steigt aus und schlägt die Tür zu. Sie öffnet die Verriegelung der Bordwand. Auf der Ladefläche steht eine mächtige Sau, die sich ins letzte Eck drängt. Die Frau läßt die Bordwand runterknallen. Die Sau zuckt zusammen und macht einen Buckel. Die Frau steigt auf die Ladefläche, packt die zitternde Sau am Ohr und schleift sie zum Rand. Sie springt hinunter, ohne das Ohr loszulassen, und lädt sich die strampelnde Sau auf. Sie steigt die breite gepflasterte Auffahrt hinauf. Mitten im Aufstieg hält sie inne, wirft die längst angststarre Sau zu Boden und setzt sich auf sie, hält sie damit fest und preßt ihr derart die Luft ab, daß das Schwein dunkle Schatten unter den Augen bekommt. Daß es aufhöre, erbärmlich zu schnaufen, schlägt sie ihm mit der Faust auf die Schnauze. Sie raucht und hockt so gedankenverloren wie Abl auf dem Wall. Sie sehen in dieselbe Richtung.

10

21/2/2017

 

Wie es heller wird, ist da nicht mehr der sich selbst überlassene Unterwuchs, aber bodenkriechender, wuchernder Wacholder. Eine weitläufige Parkanlage mit engen Panoramen. Böschungen voll gereihtem Einheitsginster Abgetretener Hangrasen. Ein ziegelgemauerter Aquaedukt, der aus nebelähnlichem Trauerweidengewölk hervorsteigt, einen Teich in seiner Betonpfanne überspannend. Schläfrige Schwanenscharen. Aufgeweichte Futterbrocken, tümpeliges Wasser. Abl steht am Rande einer Böschung, die ihm ums Haar einen tiefen Sturz beschert hätte. Steil fällt sie zu einem Pflaster hin. Das Dämmern dauert seine Zeit. Abl hockt sich hin. 
Das Schwein würde sagen: „Suche Gott! Jesus liebt dich!“ Abls Frau würde sagen: „Was suchst du die Huren auf? Du suchst, und entfernst dich. Was du suchst, weiß keiner!“

     

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